Stilübungen (16): Déjà Vu

Nachdem dreimalalles.info nun rund zwei Monate läuft, sich allmählich so etwas wie eine Routine einstellt, ist es Zeit für das nächste Feature: Mit "Stilübungen: 99 Arten eine Geschichte zu erzählen" findet sich nun auch hier ein regelmäßiger Webcomic. Worum geht es? Wie die oben abgebildete erste Seite zeigt, beginnt es mit einer alltäglichen Szene: Matt sitzt am Computer, steht auf, begibt sich über eine Treppe nach unten, beantwortet seiner Freunding Jessica die Frage, wie spät es ist, und hat dann am Kühlschrank vergessen, was er eigentlich wollte. So weit, so einfach. Und, so viel kann verraten werden, viel mehr wird auch nicht passieren. Denn es geht hierbei nicht um eine stringent weitererzählte Handlung, sondern um deren Variation. 99 Mal wird diese kurze Szene auf immer wieder neue und überraschende Arten erzählt werden.

Autor der "Stilübungen" ist der Amerikaner Matt Madden, der sich als Comic-Autor und -Lehrender einen Namen gemacht hat. So stammen von ihm unter anderem die in Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin Jessica Abel entstandenen Sachbücher "Drawing Words & Writing Pictures" und "Mastering Comics". Mit weiteren Comic-Autoren wie François Ayroles und Lewis Trondheim ist er in der Gruppe der OuBaPos aktiv, die sich als "Werkstatt für Potentielle Comics" (nachdem Französichen "Ouvroir de Bande dessinée Potentielle") verstehen und sich zum Beispiel durch Einschränkungen spielerisch mit dem Medium Comic auseinandersetzen. Die Methoden lehnen sich an denen der OuLiPos ("L' Ouvroir de Littérature Potentielle", also „Werkstatt für Potentielle Literatur“) an, einer in den 1960ern in Frankreich aktiven Autorengruppe. Einer dieser Autoren war Raymond Quenau, der in "Stilübungen: Autobus S" eine kurze Begebenheit 99 Mal variierte, zum Beispiel in verschiedenen Stilen (als Klappentext, in Vulgärsprache), Gattungen (als Sonett) oder mit Einschränkungen ("Homöophonie", also ähnlichen Lauten).

Diese Vorgehensweise wird nun auch in "Stilübungen: 99 Arten eine Geschichte zu erzählen" aufgegriffen. Jeden Mittwoch und Samstag erscheint an dieser Stelle eine weitere Variation der obigen Szene: Aus verschiedenen Perspektiven, in unterschiedlichen Stilen oder mit erzählerisch-gestalterischen Kniffen und Beschränkungen. Das ist nicht nur ein Lesevergnügen, das sich aus der Verbindung der profanen Szene mit ihren cleveren Abwandlungen ergibt, sondern auch ein interessanter Einblick in die Mechanik des Comics. Es geht um die vielfältige Frage, wie man im Comic erzählen kann und welche Mittel dem Autor dafür zur Verfügung stehen.

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