Stilübungen (19): "Politischer Cartoon"

Mit der Überschrift zur heutigen "Stilübung" habe ich mich schwer getan. Im englischsprachigen Raum ist klar, was mit einem "political cartoon" gemeint ist, nämlich eine Verbildlichung von politischen Situationen und Konzepten. Und als solche wird die bekannte Szene hier auch von Matt Madden inszeniert. Die sind häufig interpretierend und folgen der politischen Neigung des Zeichners, sind aber nicht zwangsläufig lustig oder überzeichnend. Das steckt aber tendenziell in der deutschen Bezeichnung "Karikatur", die den Fokus zunächst auf zeichnerische Überspitzungen lenkt. Und auch beim "Cartoon", also den Einzelbildern, die nicht zwangsläufig um Sprechblasen oder darunter stehend mit Text ergänzt werden, fehlt häufig das explizit Politische des "political" oder "editorial cartoons". In vielen Zeitungen werden solche Zeichnungen heute noch täglich abgedruckt, in der Süddeutschen Zeitung umgeht man begriffliche Haarspalterei durch die zurückhaltende Anmerkung "Zeichnung von" unter den – ja was denn nun: Karikaturen? Cartoons? Politischen Cartoons? – Beiträgen der Hauszeichner wie Dieter Hanitzsch.
Die "Mohammed-Karikaturen" werden im englischsprachigen Raum übrigens "Mohammed-Cartoons" genannt, aber das nur am Rande.

Nun war ich für einen kurzen Moment versucht, nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Dafür muss ich ein wenig ausholen.
Für die anderen "Stilübungen" konnten ich und Matthias Wieland auf einen von Matt Madden autorisierten Font zurückgreifen. Seine Handschrift ist sehr regelmäßig, von daher kommt der Computer-Font der Anmutung seiner Handschrift sehr, sehr nah. Aber Tatsache ist, dass wir nicht mit seiner Schrift arbeiten, er also nicht selbst den Text schreibt oder wir mühsam photoshoppen müssen. Es ist auch gar nichts dagegen einzuwenden, wenn mit Fonts gearbeitet wird, die der Anmutung einer Original-Handschrift sehr nahe kommen. Da gibt es heutzutage tolle Möglichkeiten, zum Beispiel können in einem Font mehrere Versionen jedes Zeichens enthalten sein, die dann mehr oder weniger zufällig ausgewählt werden. Schreibt man zum so zum beispielsweise ein Wort mit "mm", folgen nicht die exakt gleichen "m"s aufeinander. Viktor Nübel hat da schöne Fonts gestaltet, zum Bespiel für Drawn & Quarterly oder den Ventil Verlag.

Nun wollte ich zuerst schreiben:
Für die heutige "Stilübung" konnte nicht auf Matt Maddens Handschrift zurückgegriffen werden.
Das stimmt zwar, aber genau genommen ist es hier ja nicht seine Handschrift, sondern ein aus seiner Handschrift generierter Font.
Warum ich das heraushebe? Hier und da werden Angaben zum Lettering missverständlich verwendet und ein "Original-Handlettering" ist dann doch eben nur ein Font. Das macht einen Comic nicht unbedingt schlechter, aber ist ebenso gemogelt wie "natürliches Erdbeer-Aroma".

Heute gibt es also echte Handarbeit und zwar von einem, der schon viele Titel und in vielen Stilen von Hand gelettert hat: Die Schrift der heutigen Seite stammt von Olav Korth, der es wieder schafft, den Stil des Originals perfekt zu treffen. Neben seiner Arbeit als Letterer, zum Beispiel für Reprodukt ("Nausea" von Robert Crumb oder "Quai D'Orsay" von Lanzac/Blain), veröffentlicht er jede Woche unter dem Namen 18Metzger seinen Strip "totes meer" in der jungle world. Für die poetisch-politischen Kurzcomics, die auch als Buch vorliegen, erhielt er vollkommen verdient dieses Jahr den Max und Moritz-Preis für den "Besten deutschsprachigen Comic-Strip". In den kommenden Wochen werden wir an dieser Stelle noch mehr von Olav Korths Handlettering-Fähigkeiten sehen können.

 

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