Stilübungen (42): Nach Rodolphe Töpffer

Man muss nicht ganz bis zum Teppich von Bayeux oder noch weiter zurückgehen, um die Geschichte des Comics zu erzählen. Man könnte auch im 19. Jahrhundert einsetzen, wobei hier als erster Name in der Regel Wilhelm Busch fällt. Wenn man aber hier beginnen will, wäre zunächst Rodolphe Töpffer zu nennen, der noch vor Busch Bildgeschichten anfertigte, die für die heutige Stilübung Pate standen. Bilderfolge, Panelrahmen – schon beim ersten Blick ist die Ähnlichkeit zu heutigen Comics offensichtlich. Auch das Fehlen von Raum zwischen den Paneln zeigt, wie ungeahnt modern Töpffer zu seiner Zeit war, wird heute besonders in vielen Independent-Comics (siehe Aisha Franz, Amanda Vähämäki, Simon Hanselmann, u.a.) darauf gerne verzichtet.

Der Genfer Autor hatte Ende der 1820er damit begonnen, seine im Vergleich zu seinen Zeitgenossen eher sanften Satiren und Karikaturen zu Papier zu bringen. Aus Einzelzeichnungen wurden im Laufe der Zeit Sequenzen und aus Sequenzen Geschichten, die ab 1833 dann gedruckt verlegt wurden. Insgesamt entstanden so acht längere Proto-Comics wie "Dr. Festus", "Die Geschichte des Monsieur Jabot" (daraus gibt es hier Seite) und "Die Liebesabenteuer des Monsieur Vieux Bois".

Dass Töpferr damit etwas unerhört Neues geschaffen hatte, blieb auch dem Zeitgenossen Geothe nicht verborgen, der anmerkte: "Töpffer scheint mir im Gegenteil ganz auf eigenen Füßen zu stehen und so durchaus originell zu sein, wie mir nur je ein Talent vorgekommen." Es sollte jedoch noch einige Jahrzehnte dauern, bis der Comic wesentliche Mermale weiter ausgebildet hatte und ungeheure Popularität erlangen sollte – mehr dazu am Samstag.

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Derzeit sind die Bilderromane Töpffers nur antiquarisch erhältlich, in der zweibändigen Insel-Ausgabe allerdings recht preiswert.
Update: Im avant-verlag erscheint im Herbst 2015: "Rodolphe Töpffer – Der Vater des modernen Comics", ein ca. 200-seitiges Hardcover mit den Geschichten "Histoire de M. Vieux Bois" (gezeichnet 1827, veröffentlicht 1837), "Histoire de M. Jabot" (1831, 1833) und "Monsieur Pencil" (1831; 1840)

Links:
Goethe über Töpffer in Johann Peter Eckerman: "Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens" (auf gutenberg.spiegel.de)
Die Zeit über Töpffer: "Im Kritzelrausch" (6. Dezember 1996)
Zwei Geschichten Töpffers auf zeno.org.

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