Stilübungen (5): Kühlschrank mit Aussicht

In der heutigen "Stilübung" bleibt die Perspektive in jedem Panel unverändert. Während die Panelgröße variiert und das Seitenlayout das Schema der ursprünglichen Seite aufgreift, scheint es die eigentliche Handlung erst da einzusetzen, als die Tür sich öffnet und vor dem "Kühlschrank mit Aussicht" Matt sichtbar wird. Aber ist das so? Passiert nicht doch in den ersten Panels eine ganze Menge? Schon in der ersten Reihe wird ein Rhythmus vorgegeben und in der zweiten Reihe wird das außen Gesprochene sichtbar. Überhaupt: Wir wissen bereits um das Außen. Wenn man die Grundprämisse der "Stilübungen" für einen Moment außer Acht lässt und die einzelnen Variationen als Erzählung begreift, erinnert diese Darstellung an Alfred Hitchcocks Definition von "Suspense", die er François Truffaud gegenüber darlegte:

"Wir reden miteinander, vielleicht ist eine Bombe unter dem Tisch, und wir haben eine ganz gewöhnliche Unterhaltung, nichts besonderes passiert, und plötzlich, bumm, eine Explosion. Das Publikum ist überrascht, aber die Szene davor war ganz gewöhnlich, ganz uninteressant. Schauen wir uns jetzt den Suspense an. Die Bombe ist unterm Tisch, und das Publikum weiß es. Nehmen wir an, weil es gesehen hat, wie der Anarchist sie da hingelegt hat. Das Publikum weiß, dass die Bombe um ein Uhr explodieren wird, und jetzt ist es 12 Uhr 55 - man sieht eine Uhr. Dieselbe unverfängliche Unterhaltung wird plötzlich interessant, weil das Publikum an der Szene teilnimmt. Es möchte den Leuten auf der Leinwand zurufen: Reden Sie nicht über so banale Dinge, unter dem Tisch ist eine Bombe, und gleich wird sie explodieren!" (zitiert im Filmlexikon der Universität Wien)

In unserem Beispiel ist natürlich keine Bombe im Spiel, aber wir, die Leserinnen und Leser, wissen um den Rahmen der Szene und auf welche Pointe sie hinausläuft. So erzeugen auch die Panels, in denen nichts zu passieren wird, eine – hier: ironische – Spannung, die in der Ratlosigkeit des Protagonisten ein Antiklimax findet. Und damit zeigt sich ein Weg, wie so eine zunächst wenig sinnvolle Darstellung effektvoll in einem Comic eingesetzt werden kann: in einem sinnvollen, spannenden Kontext, als Spiel mit dem Wissen der Lesenden.

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