Stilübungen (79): Die Dinge sind sonderbar (nach Duane Michals)

Heute gibt es wieder eine Stilübung, die ein direktes Vorbild hat: "Things are queer" ("Die Dinge sind sonderbar") ist eine Serie des amerikanischen Fotografen Duane Michals aus dem Jahr 1973. Wie auch in der Version von Matt Madden, zeigt die neun Fotos umfassende Serie eine Sequenz, die am Ende gewissermaßen wieder am Anfang angelangt. (Gerne jetzt schon ansehen.) Ausgehend von einer Ansicht eines Badezimmers mit bereits irritierend verschobenen Größenverhältnissen (zum Beispiel ist das Waschbecken neben der Badewanne und der Toilette übergroß), wird von Bild zu Bild eine Art Rückwärtszoom vollzogen, bei dem von Foto zu Foto immer wieder die Erwartungen gebrochen werden. Gestaltungseinfälle wie die übergroßen Beine des Protagonisten, die bereits im zweiten Foto auftauchen oder der Umstand, dass sich das dritte Foto als Abdruck in einem Buch, das im vierten Foto zu sehen ist, sorgen zunächst für Irritation. Doch die surrealistisch anmutenden Einfälle, die zunächst zusammenhanglos erscheinen mögen, finden in der Sequenz, also der Art von Geschichte, die die Fotoserie ergibt, und in der Geschlossenheit, durch die Erzählung als Endlosgeschichte zu einer Kohärenz, die selbst wieder überrascht.

Nicht nur dafür ist der 1932 geborene Michals bekannt: Neben innovativen Portraits zum Beispiel von René Margritte sind es sein weiteren Fotoserien, zum Teil von handschriftlichem Text begleitet, die ihn bekannt machten (Hier ein schönes Beispiel). Immer wieder tritt dabei in den Vordergrund, dass es ihm nicht darum geht, einzelne Momente einzufangen, sondern eine Situation zu schildern oder eine kurze Geschichte zu erzählen. Nicht umsonst lief die im Frühjahr 2015 in Pittsburgh gezeigte Retrospektive unter dem Titel "Storyteller: The Photographs of Duane Michals".

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• Viele Arbeiten von Michals finden sich auf duanemichals.tumblr.com
"Ironie der Reihenfolge. Enthüllung als Einhüllung bei Duane Michals" – Steffen Siegel auf academia.edu.
• "Michals's series could stand as an allegory for the current ambitions of lesbian and gay studies to go beyond documenting specific homosexual identities and cultural practices." – Jonathan Weinberg über "Things are queer" auf queerculturalcenter.org.
• Ein Interview aus dem Jahr 2012: "Showing the things we cannot see" von Lorena Muñoz-Alonso auf selfselector.co.uk.

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