Auch bei dieser Vorstellung von „Röhner“ als Comic des Jahres möchte man mit der Tür ins Haus fallen, wie es der Namensgeber in Max Baitingers Comic-Buch gewissermaßen macht. Es ist ja auch das Jahr der ungebetenen, aufdringlich und viel zu lang bleibenden Gäste: In Maren Ades „Toni Erdmann“ ist es der impertinente Vater, der sich redlich darum bemüht, seine Tochter zu blamieren, in den USA bereitet sich die republikanische Partei wie auch große Teile des Landes auf vier unterhaltsam-schreckliche Jahre mit dem diplomatieresistenten Pöbler aus dem Trump Tower vor. Und Röhner besucht also seinen Kumpel P., der schon ganz zu Anfang zu bezweifeln scheint, ob er sich so nennen lassen würde. Röhner bleibt viel zu lang, bandelt mit P.s Nachbarin an, P. überlegt, wie er Röhner wieder loswerden kann und hadert überhaupt mit dessen sperriger Anwesenheit in seinem Leben. Das ist schon, worum es im Prinzip auf den über 200 Seiten geht und dass es Max Baitinger dabei nie langweilig werden lässt, deutet auf genau die Qualitäten hin, die aus dem Band eine Ausnahmeerscheinung machen. Schon gleich zu Beginn werden wir in P.s Welt gezogen, dem wir dabei zusehen dürfen, wie er aufsteht und einen Kaffee macht. Umgesetzt ist das in einer mehrseitigen Sequenz, in auf das wesentliche konzentrierten Bildern: Die Wohnung lernen wir in Halbtotalen kennen, dazwischen der detailliert dargelegte Ablauf des Kaffemachens, bei dem schnell klar wird, dass P., aus dessen Perspektive „Röhner“ erzählt ist, ein ziemlicher Zwangsneurotiker ist, dessen Leben von strengen Abläufen und Routinen geprägt wird. Ein erster Höhepunkt schließt hier direkt an, als aus einem unscheinbaren Umschlag – darin eine Nachricht von Röhner, der sein Kommen anmeldet – eine Unmenge Glitter in P.s Langhaarteppich rieselt, was dessen Gemüt spürbar aus den Fugen geraten lässt. Da es unwahrscheinlich ist, alle glänzenden Plastikteile wieder herauszubekommen, muss der Teppich folgerichtig auf den Müll wandern, gewissermaßen eine Vorwegnahme der weiteren Handlung, in der sich der so aufdringliche wie dauerfreundliche Röhner in P.s Leben nistet, der dann auch versuchen wird, den sich in seinem Leben festkrallenden Gast irgendwie zu entsorgen. Von den verschiedenen Möglichkeiten, diese Geschichte zu inszenieren, entscheidet sich Baitinger glücklicherweise für die Komödie: „Röhner“, im Kasseler Verlag Rotopolpress erschienen, ist hochgradig witzig. Von Anfang an durchzieht den Band eine Atmosphäre des Komischen, in der es eben weniger ausgewiesene Gags und Punchlines braucht, als es sonst so oft in Comics ist, um Humor anzuzeigen. Wie hier mit feinen Timing und Zurückhaltung eine durchgehende Stimmung des Amüsanten hergestellt wird, das erinnert nicht zuletzt an den Großen Loriot, mit dem sich Baitinger auch den liebevoll-spöttischen Blick auf seine Figuren teilt. Weder der zwanghafte P., noch seine Nachbarin „Dings“, noch der aufdringliche Röhner werden dabei trotz ihrer Macken der Lächerlichkeit preisgegeben oder sonstwie auf sie herabgesehen. Ein Kunststück auch, wie Baitinger diese Komik in reduzierten, mit dickem Strich in schwarzweiß gehaltenen, Zeichnungen zu Papier bringt. Gesichter und Mimik gibt es hier nur sehr bedingt, überhaupt setzt sich ein Großteil der Zeichnungen aus geometrischen Grundformen zusammen – der erste Eindruck mag da etwas kühl erscheinen. Das erinnert nicht zuletzt an Chris Ware, bei dem sich ebenfalls auf dem ersten Blick der Stilwillen vor die emotionale Tiefe seiner Geschichten zu schieben scheint. Und mit dem Amerikaner teilt sich Baitinger auch ein Faible für ganz eigene Bildfindungen. Immer wieder überrascht er mit so originellen wie originären wie treffenden Einfällen. Da zeigt P. Röhner beispielsweise sein Zimmer, welches als 360 Grad-Globalansicht gezeigt wird, was zugleich vermittelt, man sähe hier alles, wie auch P.s Unwillen illustriert, mehr und ausführlichere Einblicke in sein Leben zu gestatten. Fährt P. mit dem Rad, folgen diesem je nach Geschwindigkeit mehr oder weniger gerade Flächen, hinter denen sich mitunter verschwommene Silhouetten abzeichnen – eine schlüssige Variation der Darstellung von Geschwindigkeit durch Speedlines. Wenn man ein Beispiel für ein Comic-Buch finden will, das sich weniger durch gewichtige Themen als durch die treffend umgesetzte, dazu noch auf einer banalen Alltagssituation basierenden, Erzählung auszeichnet – hier ist es. Grafisch eine ganz eigene Welt eröffnend, ohne dass das Experimentelle der Geschichte im Weg stünde, in sich schlüssig und nicht zuletzt stylisch. Clever, lustig und mit einer unverkennbaren Stimme erzählt. „Röhner“ – eindeutig Comic des Jahres. ––– Abbildungen © Max Baitinger – Rotopolpress Mein Interview mit Max Baitinger zum Buch kann hier nachgelesen werden.  

Liebe LeserInnen, Ich will es kurz machen: Nach etwas über zwei Jahren werde ich die Arbeit an dreimalalles einstellen. Ab sofort werden keine neuen Beiträge, Presselinks und Termine auf der Seite hinzugefügt. Tja. Diese Entscheidung kommt sicherlich für Viele recht überraschend, und der Gedanke dazu kam mir auch vor gar nicht allzu langer Zeit. Er blieb: Ich kann nicht verneinen, dass mir im Laufe der letzten Zeit die Motivation abhanden gekommen ist, mich hier mit dem Elan zu engagieren, der nötig ist, um die Seite zufriedenstellend zu betreiben. Ich glaube weiterhin sehr fest daran, dass es einer Seite in der Art von dreimalalles (oder: wie dreimalalles versuchte, zu sein) bedarf. Und passenderweise tweetete erst gestern eine amerikanische Comic-Autorin, dass es immer noch nötig ist, neue Leute, potenzielle Comic-LeserInnen zu erreichen. Das sehe ich auch so – und in dieser Hinsicht war dreimalalles auch gedacht: Wichtige Comicnews melden und einbetten, Veranstaltungen ankündigen und begleiten, die wesentlichen Berichte in den Medien zusammentragen, weitere, unterhaltsame Inhalte bieten – und all das nicht ausschließlich für ein Spezialistenpublikum aufbereitet, sondern allgemeinverständlich präsentiert. Eine Einladung an alle Comicinteressierten. Für mich ist das immer notwendige Basisarbeit gewesen. Die Arbeit war lange Zeit sehr motivierend, es gab viel Zuspruch, interessante Projekte, für die ich als Betreiber von dreimalalles angefragt wurde, und auch immer wieder Bannerschaltungen, durch die zumindest etwas Geld hineinkam. Und natürlich war es interessant, sich mit den täglichen Vorgängen in der Welt der Comics auseinanderzusetzen. Als Leser, Fan und Enthusiast kann man das schon als Privileg bezeichnen. Aber die Motivation, diese Grundlagenarbeit zu leisten, hat sich nun weitgehend aufgebraucht. Tatsächlich fühlt es sich danach an: Zwei Jahre hat diese Motivation gereicht, nun ist sie einfach weg. Es fällt schwer, einen Anlass zu nennen, einen Vorfall oder Auslöser, denn den gab es eben nicht. Es ist keine Enttäuschung, zu wenig oder zu viel gemacht oder ein Gefühl, etwas Bestimmtes (nicht) erreicht zu haben. Wie man so schön sagt: Es ist halt, wie es ist. Ich will mich bei allen bedanken, die dreimalalles gelesen haben, allen, die die Seite und mich im Laufe der Jahre unterstützt haben, und allen, deren Texte ich veröffentlichen durfte. Mein Dank gilt auch Matt Madden und Mai Li Bernard, deren fantastische Comics ich auf dreimalalles veröffentlichen durfte. Mai Li Bernards wortlose Romantik-Episoden „Pigmente einer Sprache der Liebe“ sind dabei noch nicht abgeschlossen: Weitere Folgen werden an dieser Stelle weiterhin veröffentlicht (und alle Comics können endlich auf einer Seite nachgelesen werden). Aber das war es auch. Wie oben erwähnt, wird es sonst keine weiteren Beiträge oder Posts auf der Seite mehr geben. Auch wenn sich das Kapitel dreimalalles damit schließt, werde ich dem Comic sicher erhalten bleiben, in der ein oder anderen Form. Da ist noch nichts in Stein gemeißelt. Es hat großen Spaß gemacht und ich freue mich auf das, was kommt. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit. Ohne euch wäre es hier echt langweilig geworden. Christian Maiwald

Kontaktcenter – Comiclesung in Hamburg

Zum zweiten Mal lädt das Kontaktcenter ins Hamburger B-Movie ein. Dieses Mal stellen Anna Haifisch, Lasse Wandschneider, Jul Gordon, Jan Soeken und Nikita Michelsen ihre Arbeiten vor. Gelesen wird aus veröffentlichten Comics und aus solchen, die noch in der Entstehung sind.

strips-stories.dekontaktcenter.tumblr.com

Reinhard Kleist – Live-Zeichnen in Berlin

Am kommenden Samstag, dem 13. August, wird Reinhard Kleist gemeinsam mit der Musikgruppe Lolita Terrorist Sounds im Berliner SO36 auftreten. Kleist wird Live-Zeichnungen zur Musik des Projekts um den Italiener Maurizio Vitale anfertigen, der an diesem Abend unter anderem von NU Unruh (Einstürzende Neubauten) unterstützt wird. Die Veranstaltung beginnt um 23 Uhr.

facebook-Veranstaltungichbineinberlinerfestival.de

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