„Röhner“ – Comic des Jahres 2016

Auch bei dieser Vorstellung von „Röhner“ als Comic des Jahres möchte man mit der Tür ins Haus fallen, wie es der Namensgeber in Max Baitingers Comic-Buch gewissermaßen macht. Es ist ja auch das Jahr der ungebetenen, aufdringlich und viel zu lang bleibenden Gäste: In Maren Ades „Toni Erdmann“ ist es der impertinente Vater, der sich redlich darum bemüht, seine Tochter zu blamieren, in den USA bereitet sich die republikanische Partei wie auch große Teile des Landes auf vier unterhaltsam-schreckliche Jahre mit dem diplomatieresistenten Pöbler aus dem Trump Tower vor. Und Röhner besucht also seinen Kumpel P., der schon ganz zu Anfang zu bezweifeln scheint, ob er sich so nennen lassen würde.

Röhner bleibt viel zu lang, bandelt mit P.s Nachbarin an, P. überlegt, wie er Röhner wieder loswerden kann und hadert überhaupt mit dessen sperriger Anwesenheit in seinem Leben. Das ist schon, worum es im Prinzip auf den über 200 Seiten geht und dass es Max Baitinger dabei nie langweilig werden lässt, deutet auf genau die Qualitäten hin, die aus dem Band eine Ausnahmeerscheinung machen.

Schon gleich zu Beginn werden wir in P.s Welt gezogen, dem wir dabei zusehen dürfen, wie er aufsteht und einen Kaffee macht. Umgesetzt ist das in einer mehrseitigen Sequenz, in auf das wesentliche konzentrierten Bildern: Die Wohnung lernen wir in Halbtotalen kennen, dazwischen der detailliert dargelegte Ablauf des Kaffemachens, bei dem schnell klar wird, dass P., aus dessen Perspektive „Röhner“ erzählt ist, ein ziemlicher Zwangsneurotiker ist, dessen Leben von strengen Abläufen und Routinen geprägt wird. Ein erster Höhepunkt schließt hier direkt an, als aus einem unscheinbaren Umschlag – darin eine Nachricht von Röhner, der sein Kommen anmeldet – eine Unmenge Glitter in P.s Langhaarteppich rieselt, was dessen Gemüt spürbar aus den Fugen geraten lässt. Da es unwahrscheinlich ist, alle glänzenden Plastikteile wieder herauszubekommen, muss der Teppich folgerichtig auf den Müll wandern, gewissermaßen eine Vorwegnahme der weiteren Handlung, in der sich der so aufdringliche wie dauerfreundliche Röhner in P.s Leben nistet, der dann auch versuchen wird, den sich in seinem Leben festkrallenden Gast irgendwie zu entsorgen.

Von den verschiedenen Möglichkeiten, diese Geschichte zu inszenieren, entscheidet sich Baitinger glücklicherweise für die Komödie: „Röhner“, im Kasseler Verlag Rotopolpress erschienen, ist hochgradig witzig. Von Anfang an durchzieht den Band eine Atmosphäre des Komischen, in der es eben weniger ausgewiesene Gags und Punchlines braucht, als es sonst so oft in Comics ist, um Humor anzuzeigen. Wie hier mit feinen Timing und Zurückhaltung eine durchgehende Stimmung des Amüsanten hergestellt wird, das erinnert nicht zuletzt an den Großen Loriot, mit dem sich Baitinger auch den liebevoll-spöttischen Blick auf seine Figuren teilt. Weder der zwanghafte P., noch seine Nachbarin „Dings“, noch der aufdringliche Röhner werden dabei trotz ihrer Macken der Lächerlichkeit preisgegeben oder sonstwie auf sie herabgesehen. Ein Kunststück auch, wie Baitinger diese Komik in reduzierten, mit dickem Strich in schwarzweiß gehaltenen, Zeichnungen zu Papier bringt. Gesichter und Mimik gibt es hier nur sehr bedingt, überhaupt setzt sich ein Großteil der Zeichnungen aus geometrischen Grundformen zusammen – der erste Eindruck mag da etwas kühl erscheinen. Das erinnert nicht zuletzt an Chris Ware, bei dem sich ebenfalls auf dem ersten Blick der Stilwillen vor die emotionale Tiefe seiner Geschichten zu schieben scheint. Und mit dem Amerikaner teilt sich Baitinger auch ein Faible für ganz eigene Bildfindungen. Immer wieder überrascht er mit so originellen wie originären wie treffenden Einfällen. Da zeigt P. Röhner beispielsweise sein Zimmer, welches als 360 Grad-Globalansicht gezeigt wird, was zugleich vermittelt, man sähe hier alles, wie auch P.s Unwillen illustriert, mehr und ausführlichere Einblicke in sein Leben zu gestatten. Fährt P. mit dem Rad, folgen diesem je nach Geschwindigkeit mehr oder weniger gerade Flächen, hinter denen sich mitunter verschwommene Silhouetten abzeichnen – eine schlüssige Variation der Darstellung von Geschwindigkeit durch Speedlines.

Wenn man ein Beispiel für ein Comic-Buch finden will, das sich weniger durch gewichtige Themen als durch die treffend umgesetzte, dazu noch auf einer banalen Alltagssituation basierenden, Erzählung auszeichnet – hier ist es.
Grafisch eine ganz eigene Welt eröffnend, ohne dass das Experimentelle der Geschichte im Weg stünde, in sich schlüssig und nicht zuletzt stylisch.
Clever, lustig und mit einer unverkennbaren Stimme erzählt.

„Röhner“ – eindeutig Comic des Jahres.

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Abbildungen © Max Baitinger – Rotopolpress
Mein Interview mit Max Baitinger zum Buch kann hier nachgelesen werden.
 

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