Stilübungen (83): Keine Linie

Ob Manga, frankobelgischer, US- oder deutscher Comic: In den allermeisten Fällen basieren die Zeichnungen auf Strichen. Umrisse werden beschrieben, Formen herausgearbeitet und Details eingezeichnet. Die Outlines stehen dabei typischerweise am Anfang, sie werden im Anschluss weiter ausgefüllt, vielleicht auch koloriert. Was nun, wenn man auf sie verzichtet? Das ist in der heutigen Stilübung zu sehen, die auf Linien verzichtet und nur mit Flächen arbeitet. Das Ergebnis wirkt weniger konkret als die Vorlage, schimmernd, atmosphärischer: Licht und Schatten werden bestimmender und geben der Szene trotz des banalen Inhalts eine gewisse Dramatik.

Natürlich gibt es eine Vielzahl von Comic-AutorInnen, die auf klassische Linien verzichten: Die Belgier Brecht Vandenbroucke (Beispiel oben links) und Brecht Evens verzichten zum Beispiel so gut wie komplett auf sie. Einen Mittelweg wählt Michael Cho aktuell in "Shoplifter": Hier entfallen die schwarzen Outlines teilweise oder werden von der zweiten Farbe übernommen.

Was man mit Strichen sonst noch erreichen kann, erkundet Matt Madden übrigens gerade in einer lose entstehenden Serie namens "20 Lines", in denen er damit experimentiert, was sich mit 20 Linien alles beschreiben lässt.

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Abbildungen © Vandenbroucke – avant-verlag, © Cho – Egmont Graphic Novel

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