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Nachdem dreimalalles.info nun rund zwei Monate läuft, sich allmählich so etwas wie eine Routine einstellt, ist es Zeit für das nächste Feature: Mit "Stilübungen: 99 Arten eine Geschichte zu erzählen" findet sich nun auch hier ein regelmäßiger Webcomic. Worum geht es? Wie die oben abgebildete erste Seite zeigt, beginnt es mit einer alltäglichen Szene: Matt sitzt am Computer, steht auf, begibt sich über eine Treppe nach unten, beantwortet seiner Freunding Jessica die Frage, wie spät es ist, und hat dann am Kühlschrank vergessen, was er eigentlich wollte. So weit, so einfach. Und, so viel kann verraten werden, viel mehr wird auch nicht passieren. Denn es geht hierbei nicht um eine stringent weitererzählte Handlung, sondern um deren Variation. 99 Mal wird diese kurze Szene auf immer wieder neue und überraschende Arten erzählt werden.

Autor der "Stilübungen" ist der Amerikaner Matt Madden, der sich als Comic-Autor und -Lehrender einen Namen gemacht hat. So stammen von ihm unter anderem die in Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin Jessica Abel entstandenen Sachbücher "Drawing Words & Writing Pictures" und "Mastering Comics". Mit weiteren Comic-Autoren wie François Ayroles und Lewis Trondheim ist er in der Gruppe der OuBaPos aktiv, die sich als "Werkstatt für Potentielle Comics" (nachdem Französichen "Ouvroir de Bande dessinée Potentielle") verstehen und sich zum Beispiel durch Einschränkungen spielerisch mit dem Medium Comic auseinandersetzen. Die Methoden lehnen sich an denen der OuLiPos ("L' Ouvroir de Littérature Potentielle", also „Werkstatt für Potentielle Literatur“) an, einer in den 1960ern in Frankreich aktiven Autorengruppe. Einer dieser Autoren war Raymond Quenau, der in "Stilübungen: Autobus S" eine kurze Begebenheit 99 Mal variierte, zum Beispiel in verschiedenen Stilen (als Klappentext, in Vulgärsprache), Gattungen (als Sonett) oder mit Einschränkungen ("Homöophonie", also ähnlichen Lauten).

Diese Vorgehensweise wird nun auch in "Stilübungen: 99 Arten eine Geschichte zu erzählen" aufgegriffen. Jeden Mittwoch und Samstag erscheint an dieser Stelle eine weitere Variation der obigen Szene: Aus verschiedenen Perspektiven, in unterschiedlichen Stilen oder mit erzählerisch-gestalterischen Kniffen und Beschränkungen. Das ist nicht nur ein Lesevergnügen, das sich aus der Verbindung der profanen Szene mit ihren cleveren Abwandlungen ergibt, sondern auch ein interessanter Einblick in die Mechanik des Comics. Es geht um die vielfältige Frage, wie man im Comic erzählen kann und welche Mittel dem Autor dafür zur Verfügung stehen.

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Foto © Gert Jan Pos

Eine Besprechung der Originalausgabe von Raymond Queneaus "Stilübungen: Autobus S" findet sich in Ausgabe 27 des Spiegel 1961: "Wörterbus".

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Stilübungen (99): Kein Matt

Jetzt ist auch noch Matt verschwunden...

Mit der neunundneunzigsten Variation enden heute die Stilübungen. Kaum zu glauben, gefühlt startete die Serie erst vor ein oder zwei Wochen, aber nach den Veröffentlichungen Mittwochs und Samstags ist jetzt ein gutes Jahr herum, in dem die kurze Szene, in der Matt die Stufen herunterläuft und auf dem Weg vergisst, "was zum Henker" er am Kühlschrank eigentlich wollte, immer wieder neu dargestellt wurde: In verschiedenen Zeichenstilen, mit diversen Einschränkungen oder weiteren Kniffen zeigte Matt Madden spielerisch die Besonderheiten und Möglichkeiten des Comics. Es war mir eine Freude, "99 Ways to tell a Story – Exercises in Style" ins Deutsche übertragen zu dürfen.

Vielen Dank an Matt Madden, der hierfür die Erlaubnis gab und das Entstehen der deutschsprachigen Version auf viele Arten unterstützte. Derzeit zeigt die Galerie etHALL in Barcelona Blätter aus seinem neuen Projekt "20 Lines", in dem er erkundet, wie viel sich mit genau zwanzig Linien auf einem Blatt ausdrücken lässt. Einige Beispiele davon gibt es hier zu sehen.

Vielen Dank an Matthias Wieland, der die Stilübungen übersetzte und viele Seiten auch letterte. Ihn kann man zum Beispiel am Sonntag in Hamburg erleben, wenn er aus Marc Boutavants Kinderbüchern liest.

Vielen Dank an Olav Korth, der für ein gutes Dutzend der Stilübung das Handlettering beisteuerte. Neben seinen Comic-Letterings hat er zuletzt an der deutschen Version von Doug Dorsts und J.J. Abrams "S." mitgewirkt. Ein Großprojekt.

Natürlich auch vielen Dank an euch, die Leserinnen und Leser. Ich hoffe, ihr wurdet gut unterhalten und hattet vielleicht den ein oder anderen "Aha!"-Moment.

Sämtliche Stilübungen lassen sich ab sofort hier ansehen.
Bisher zeigte die Liste nur die letzten Episoden, jetzt werden alle 99 Einträge aufgelistet.

Zunächst wird es keinen direkten Ersatz, keinen neuen Webcomic, an dieser Stelle geben. Was aber nicht heisst, dass das für die Zukunft ausgeschlossen ist: Ideen sind vorhanden.

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Mittwoch, 07. Oktober 2015

Stilübungen (98): Keine Bilder (nach Kenneth Koch)

In seinem Buch "The Art of the Possible" aus dem Jahr 2002 versammelt der amerikanische Dramatiker, Literaturprofessor und Lyriker Kenneth Koch dutzende von Hybriden aus Comic und Poesie: Während er mit Panels und allgemein der Raumaufteilung auf den Seiten grundsätzliche Strukturen des Comics übernahm, füllte er die Seiten darüber hinaus nicht mit Zeichnungen, sondern mit Texten. Eben so wie es Matt Madden in der heutigen Stilübung macht, mit der er sich an Koch anlehnt. Es entstanden so Beispiele visueller Poesie, oftmals an konkrete Poesie angelehnt, bei der die Gestaltung der Worte – und bei Koch zum Beispiel auch die der Panels – selbst zum Bedeutungsträger werden. Damit wird eine weitere Möglichkeit erschlossen, einen Comic auch ganz ohne Bilder zu gestalten. Unten dafür ein Beispiel von Koch:


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Abbildung © Soft Skull Press
Falls sich jemand über den ungewöhnlichen Texteinstieg wundert: Es ist im Original eine Anspielung auf "A man, a plan, a canal – Panama", ein im anglophonen Bereich bekanntes Palindrom.

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Samstag, 03. Oktober 2015

Stilübungen (97): Was passiert, wenn der Eiswagen nach Hogan´s Alley kommt (nach Richard F. Outcault)

Kurz vor dem Ende der Stilübungen noch einmal ein Schritt zurück in die Comic-Historie: Die heutige Variation zitiert Richard F. Outcaults Proto-Comic "Hogan´s Alley", die ab 1895 in Joseph Pulitzers New York World erschien. Dessen Protagonist Mickey Dugan, der wegen seines gelben Nachthemds auch Yellow Kid genannt wurde, begann im Laufe des Strips, eigenen Text auf dem Leib zu tragen, im weiteren Verlauf wurde Sprechtext auch in Blasen abgebildet. Und auch weil die Serie seinerzeit so beliebt war – 1896 wanderte die Serie zum New York Journal des Konkurrenten William Randolph Hears – und mithalf, Comics als populäre Unterhaltungsform zu etablieren, gilt sie allgemein als Ausgangspunkt des modernen Comics. Durch die damals ungewohnt satte Farbwiedergabe gab der Yellow Kid zudem einen weiteren Kaufanreiz, Comics waren zur Jahrhundertwende in den USA "die High-Tech-Waffen im Krieg um die Zeitungsauflagen".

Über den Yellow Kid wird in so ziemlich jedem Buch über die Geschichte des Comics ausführlicher geschrieben. Mit "Outcault – Die Erfindung des Comic" von Jens Balzer und Lambert Wiesing erschien 2010 eine ausführliche Betrachtung, die sich auch formal mit dem Zeitungscomic auseinandersetzt.
2007 liessen Joss Whedon und Michel Ryan den Yellow Kid in der Marvel-Superhelden-Story "Runaways" auftreten.

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Mittwoch, 30. September 2015

Stilübungen (96): Keine Jessica

Wie die heutige Stilübung zeigt, brauch man streng genommen keinen Reiz von außen, keine Jessica, um das eigene Anliegen zu vergessen. Wo ist sie nur? Wahrscheinlich unterwegs, um ihr neues Buch "Out on the Wire: The Storytelling Secrets of the New Masters of Radio" zu promoten. Im Sachcomic blickt sie hinter die Kulissen bei sieben der populärsten Radiosendungen und stellt deren MacherInnen vor.

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Samstag, 26. September 2015

Stilübungen (95): Kein Kühlschrank

Tja, nun. Was wollte Matt eigentlich da? Die heutige Stilübung zeigt keinen Kühlschrank, da wird es tatsächlich rätselhaft, was zum Henker Matt da eigentlich wollte. Natürlich ist auch das wieder ein Hinweis darauf, wie eine kleine Variation die Gesamtwirkung eines Comics beeinträchtigen kann, das muss aber an dieser Stelle nicht noch ein weiteres Mal ausgeführt werden. Dafür viel lieber ein Beispiel für den spielerischen Umgang mit der Idee, einfach etwas aus einem Comic zu entfernen: Schon vor einigen Jahren begann der Ire Dan Walsh damit, aus "Garfield"-Comics den Protagonisten samt dessen Text zu löschen. Übrig bleiben in den bis heute regelmäßig unter dem Titel "Garfield minus Garfield" erscheinenden Strips Illustrationen der Einsamkeit und Leere im Leben von Garfields Besitzer Jon Arbuckle.

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Mittwoch, 23. September 2015

Stilübungen (94): Andere Bilder

Auf den ersten Blick möchte man meinen, es hier mit einem vollkommen anderen Kurzcomic zu tun zu haben. Zu viel scheint verändert. Und natürlich zeigt die Stilübung heute, dass durch Verwendung anderer Bilder eine ganz andere Geschichte erzählt werden kann. Aber es wurden dabei Dinge auch nicht verändert: Text, Textposition, Panelanzahl, Panelaufteilung. Der Rhythmus der Erzählung wurde weitgehend beibehalten, der ruhige Einstieg, die zeitlich rasche Abfolge der mittleren Panelreihe oder das Überlegen im vorletzten Bild. Und interessanterweise funktionieren die Enden auf doch wieder sehr ähnliche Weise: Man bekommt ein zeitliches Gefühl für das Innehalten von Matt in der ursprünglichen Szene wie auch des namenlosen Mannes in der heutigen Variation. Beide Male scheint es etwas zu dauern, wie sie da stehen und nachdenken, und das obwohl in der Vorlage im letzten Panel in die Szene hineingezoomt wird, während man hier eine Totale zu sehen bekommt.

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Samstag, 19. September 2015

Stilübungen (93): Anderer Text

Kurz vor dem Ende der Serie eine ganz naheliegende Variation: In der heutigen Stilübung zeigt anderer Text, wie sehr der Inhalt eines Comics vom Text abhängig ist, auch wenn man zunächst die Bilder für viel bestimmender halten könnte.

Ein interessantes Spiel mit den Zusammenhängen zwischen Text und Bild im Comic trieben Jens Balzer und Martin tom Dieck in"Salut, Deleuze!" aus dem Jahr 2000: Hier wurde eine Sequenz gleich fünf Mal hintereinander gezeigt. Während die Zeichnungen an einigen Stellen nur leicht variiert wurden, entsteht durch den Text eine dennoch durchgehende Narration. Wie schon der Titel des Bandes andeutet, beziehen sich Balzer und tom Dieck dabei auf Gilles Deleuze und seine Theorie von Differenz und Wiederholung.

So weit muss man natürlich nicht gehen, um zu zeigen, wie sehr auch der Text den Inhalt bestimmt. Das ist natürlich ein Allgemeinplatz, soll aber auch einmal gezeigt werden.

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Mittwoch, 16. September 2015

Stilübungen (92): Was stimmt mit diesem Comic nicht?

Ein verunsicherndes Gefühl stellt sich ein, irgendetwas stimmt hier nicht. Eigentlich lag da doch ein anderer Hut auf dem Kühlschrank... Spricht man über Konsistenz im Comic, zum Beispiel durch die Beibehaltung von Gestaltungsweisen und des Erzähltons, die beide natürlich gemäß der Geschichte angepasst werden, darf auch eine bestimmte Logik nicht vergessen werden, die man im Film Continuity oder Anschluss nennt. In den aufeinanderfolgenden Bildern sollten zum Beispiel Gegenstände im Hintergrund ihre Position behalten oder Kranke ihre Krücke nicht mal rechts und mal links benutzen. Beim Film werden dafür häufig eigene Mitarbeiter angestellt, Comiczeichnerinnen und -zeichner müssen selbst aufmerksam sein. Und zusätzlich das grundsätzliche zeichnerische Können mitbringen, damit nicht eine zu große Variation zum Beispiel bei den Gesichtern für Verwirrung sorgt.

Einen Sonderfall bei Comics sind die Problemstellungen der Continuity großer Erzählungen, zum Beispiel der zusammenhängenden Superhelden-Universen von Marvel und DC. Hier geht es vor Allem um inhaltliche Konsistenz, denn schon durch die Vielzahl der monatlich erscheinenden Titel muss auf Grundsätzliches aufgepasst werden. Dass ein kürzlich im einen Heft gestorbener Charakter nicht in einem anderen wieder auftaucht als wäre nichts gewesen. Solche Sachen. Auch um die Erzählungen, die oftmals über Jahre und Jahrzehnte gewachsen sind, für Neueinsteiger interessant zu machen, greifen die Verlage immer wieder (und immer öfter) zum Mittel des Reboots, also des Neustarts einer Serie oder des ganzen Erzählkosmos, um auf die unübersichtliche Vielzahl von Details, die frühere Erzählungen mit sich brachten, nicht mehr achten zu müssen.

In der heutigen Stilübung wird aber kein Universum neu erfunden, es gibt jeweils zwei Änderungen in jedem Panel zu entdecken. Viel Spaß beim Suchen!

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Samstag, 12. September 2015

Stilübungen (91): Ein Zeitpunkt

Nachdem sie zuletzt aus einer räumlichen Perspektive gezeigt wurde, zeigt die heutige Stilübung die bekannte Szene auf einen Zeitpunkt beschränkt. Um einmal wieder McClouds Definition verschiedener Panelübergänge zu bemühen, ist dies ein sehr gutes Beispiel für Aspekt-zu-Aspekt-Übergänge, bei der aufeinanderfolgende Panels Teile einer Idee oder Stimmung zeigen. So auch hier: Wir bekommen mehrere Eindrück von den Räumlichkeiten, in denen Matt sich befindet und darüber hinaus eine Idee des Zusammenhangs, der durch die bloße Panelfolge erstellt wird. Wobei hier offen bleibt, was der vor dem Kühlschrank gebückte Matt mit dem Laptop auf dem Schreibtisch zu tun hat.

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Mittwoch, 09. September 2015

Stilübungen (90): Eine Perspektive

Wie die Aufnahme einer Überwachungskamera wirkt die heutige Stilübung, die die Szene aus einer Perspektive zeigt. Und siehe da: Der eigentliche Plot (Matt Madden geht zum Kühlschrank, vergisst aber über Jessicas Frage nach der Uhrzeit, was er da eigentlich wollte) bleibt auch so weiterhin erkennbar. Davon abgesehen, dass dennoch viele Detailinformationen verloren gegangen sind, bekommt der Comic so etwas Sachliches, fast Dokumentarisches, da die Inszenierung selbst sich nicht in den Vordergrund zu drängen scheint. Was natürlich nicht stimmt, da auch eine zurückgenommene Darstellung ebenso auf Entscheidungen der Zeichnerin oder des Zeichners beruht wie eine dynamische, dramatischere.

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Samstag, 05. September 2015