Charaktere, Witz und Geometrie – "Röhner" von Max Baitinger

Nachdem er sich in seinem Debut „Heimdall“ mit der nordischen Mythenwelt der „Edda“ auseinandersetzte, steht in „Röhner“ ganz Irdisches im Mittelpunkt: Max Baitinger erzählt im Band, der in den kommenden Tagen in die Läden kommt, vom Protagonisten P., in dessen von Routine und Pingeligkeit dominiertem Alltag der chaotische alte Freund Röhner einbricht, der P. nicht nur aus seiner Komfortzone katalputiert, sondern ihn auch dazu nötigt, Initiative(n) zu ergreifen. Zwei denkbar unterschiedliche Charaktere treffen hier aufeinander, zwei Temperamente und Arten, den Alltag zu gestalten, und nicht zuletzt zwei unterschiedliche Vorstellungen des Miteinanders. „Röhner“ wird dabei hauptsächlich aus der Perspektive P.s geschildert, für dessen Wahrnehmungen und Irritationen Baitinger viele einfallsreiche Bilder findet. Auf den ersten Blick mag die auf über 200 Seiten und im einfarbigen, geometrischen Stil umgesetzte Geschichte recht spröde wirken, ihren Reiz zieht sie aber eben genau daraus und dem Kontrast zur genauen, lebensnahen Charakterzeichnung sowie einem Witz, der sich durch das ganze Buch zieht. P. und Röhner und die Nachbarin – man wird sich an sie erinnern.

Im Interview geht Max Baitinger auf die Entstehung des Buches, seine Inspirationen und die praktische Arbeit ein. Originale aus dem Band werden auf dem Millionaires Club in Leipzig ausgestellt, derzeit kann das Buch bei Rotopolpress zum Subskriptionspreis vorbestellt werden. Ausführliche Leseproben finden sich hier sowie ganz unten in der flickr-Galerie.

Nach „Heimdall“, das in der nordischen Mythologie angesiedelt ist, widmet sich „Röhner“ einem sehr konkreten, zwischenmenschlichen Thema: Der ungewollte Besuch, der das Leben des Protagonisten durcheinanderwirbelt. Steckt dahinter eigene Erfahrung? Oder wie kam es zur Hinwendung zu diesem ganz irdischen Stoff?
Für mich war in „Heimdall“ auch der durchaus irdische Aspekt des Beobachtens und Grübelns am wichtigsten. Die nordische Mythologie bot dafür ein geeignetes Szenario.
„Röhner“ ist natürlich mehr auf eigenen Erfahrungen aufgebaut. Allerdings nicht auf bestimmten. Ich habe schon immer in Wohn- oder Hausgemeinschaften gewohnt, weshalb es für mich naheliegend war, darüber zu schreiben. Ich habe den Verdacht, dass man sich im Zusammenleben nie so ausdrücken kann, dass es auf der anderen Seite verlustfrei ankommt. Informationen setze ich in Zusammenhang mit meinen eigenen Denkweisen und den Dingen, die ich über die Person weiß, die mit mir spricht. Im Comic kann ich dieses Phänomen mit Bild und Text relativ einfach darstellen. Außerdem macht das Spaß. So ist das Paar aus P. und Röhner entstanden.

Das Buch wird im Wesentlichen aus der Perspektive des Protagonisten P. geschildert, der vom Besuch Röhners überrascht wird. Ist es Dir leicht gefallen, diese Perspektive anzunehmen, oder musstest Du Dich, wie ein Schauspieler, immer wieder in die Rolle hineinversetzen und seinen Blick annehmen?
Ich habe eigene Charakterzüge oder welche, die mir sehr vertraut sind, auf die Figuren in der Geschichte aufgeteilt. Und da die Geschichte von zwei sehr gegensätzlichen Menschen handelt, habe ich Röhner immer das Gegenteil von dem machen oder sagen lassen, was P., der „Gastgeber“, sich wünschen würde – oder eben anders herum.

In „Röhner“ finden sich viele Neuschöpfungen, um inneres Erleben und äußere Vorgänge ins Bild zu setzen. Ich denke da zum Beispiel an die Räder des Fahrrads, die sich gewissermaßen verlängern, sobald sich Geschwindigkeit erhöht. Sind das spontane Einfälle oder steckt dahinter ein zeitraubender Schöpfungsprozess?
Das ist sehr unterschiedlich. Ich spiele gerne mit Linealen und Schablonen herum, was ich möglicherweise aus dem technischen Zeichenunterricht meiner Berufsschulzeit beibehalten habe. Das verlängerte Rad wäre dafür ein spontaner und schnell umsetzbarer Einfall – für den verzerrten Spielplatz daneben wiederum habe ich eine Ewigkeit Tuschkanten an eine selbstgebastelte Kartonschablone geschnitzt, um damit drei Linien zu ziehen. Andere grafische Spielereien habe ich ganz verworfen, wenn sie die Zeichnung nicht aufgewertet haben.

Ist man sich beim Schreiben und Zeichnen der eigenen Einflüsse bewusst?
Für mich sind die Einflüsse auf das Schreiben besonders wichtig, da ich häufiger Romane lese als Comics. „Das große Heft“ von Agota Kristof hat mich überhaupt erst dazu angeregt, mehr zu schreiben. Das ist mir währenddessen aber nicht so sehr bewusst, da ich meine Arbeit nicht mit der einer Schriftstellerin vergleichen würde.
Ein Freund hat mich auf die Parallelen zwischen „Röhner“ und „Die Blendung“ von Elias Canetti aufmerksam gemacht. Darin wird die entsprechende Stimmung in einer für mich sehr eindrucksvollen sprachlichen Fülle erzeugt. Mir bleibt nur die Zeichnung, um den kurzen Texten Raum zu verleihen. Ist mir aber auch ganz recht so.

Grafischen Einflüssen werde ich mir bewusst, wenn ich Ähnlichkeiten zu einem mir bekannten Werk in meinen eigenen Zeichnungen entdecke. Dann frage ich mich schon, ob das in meine Formsprache mit einfließt oder wie ein Zitat gelesen werden kann. Ich muss aber auch akzeptieren, dass die gegenseitige Inspiration – die ja sehr wichtig ist – manchmal auch konkret sichtbar wird.
Auf mich kann das ermutigend oder blockierend wirken. „Our Library“ von Amanda Baeza fand ich einfach nur motivierend, während ich bei der Faszination über die Strichführung von Brian Chippendale immer wieder überlegt habe, meine Lineale in der Kiste zu lassen.

Wie balanciert man das Erzählen der Handlung und die ganz eigenen Ideen, um Vorgänge darzustellen, aus? Ich frage, weil es eine so allgemein bekannte Geschichte ist, die wohl jeder aus dem eigenen Leben kennt, die Umsetzung aber bei aller Zugänglichkeit sehr avanciert ist. Oder ist das ein Aspekt, der Dich bei der Arbeit gar nicht beschäftigt hat?
„Röhner“ lag eine Sammlung kurzer Dialoge und Skizzen von Alltagsszenen zugrunde, für die ich eine fixe, grafische Idee hatte. Zusammen hat das zwar eine Stimmung ergeben, aber keine nachvollziehbare Erzählung. Bis letzten Sommer hatte ich keine klare Vorstellung vom Plot, während ich schon ganze Szenen fertig gezeichnet hatte, von welchen ich manche wieder komplett verworfen habe. Ich kann also nur Auskunft darüber geben, wie man es am besten nicht – oder zumindest sehr zeitraubend – macht.
Bei der Arbeit an „Heimdall“ hat mir jemand den Tipp gegeben, die Handlung zu reduzieren, nicht zu viel zu erzählen und lieber ein paar Details auszuarbeiten. Seitdem verbringe ich die meiste Zeit damit, einen Kompromiss zwischen reduzierter Erzählweise und logischer Handlung zu finden. Bei „Röhner“ hat das auch am meisten Zeit in Anspruch genommen.

Noch ein Wort zur Comic-Szene in Leipzig. Gibt es regelmäßige Termine, an denen man sich trifft und austauscht? Nimmst Du an so etwas teil?
Je nach Lage der Interessen gibt es hier verschiedene Möglichkeiten, die ich allerdings selten wahrgenommen habe. Die Treffen zur Organisation des Millionaires Club sind die einzigen regelmäßigen Termine, bei ich mich explizit über Comics austausche. Ansonsten haben sich die meisten Kontakte in Leipzig durch freundschaftliche Beziehungen ergeben. Austausch findet mit Freunden statt, die alle möglichen Berufe haben. Ich benutze ungern den Begriff „Szene“, da ich nicht weiß, wen sie aus- oder eingrenzt.

Max Baitinger im Netz: maxbaitinger.combehancetumblr

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Abbildungen © Baitinger – Rotopolpress

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