Neues aus Schwarzenbach

Bereits im Dezember gab es hier ein kleines Update über den Stand der Dinge im Erika Fuchs-Haus in Schwarzenbach an der Saale. Das Haus wird Deutschlands erstes dauerhaftes Comicmuseum werden, leider hat sich der Bauvorgang jedoch soweit verzögert, dass die Eröffnung im Dezember abgesagt werden musste und bisher noch kein neuer angekündigt werden konnte. Im Interview geht Museumsleiterin Dr. Alexandra Hentschel nun auf die Gründe der Verzögerung ein und gibt einen Einblick in ihre auch bei noch geschlossenen Türen vielfältige und umfangreiche Arbeit. Zudem verrät sie, wer Hommagen beisteuern wird, die im Museum gezeigt werden, und gibt einen Ausblick auf erste Sonderausstellungen: Die Gewinner des Comic-Salons sollen hier ebenso präsentiert werden wie die "Mumins" und dann ein Spezialthema zu Entenhausen. Die Eröffnung des Hauses ist nicht vor Mitte des Jahres zu erwarten.

Wie sieht es derzeit in den Räumen des Erika-Fuchs-Hauses aus? Von außen macht es einen bezugsfertigen Eindruck.
Naja, auch von außen ist noch nicht alles fertig, wie man auf dem Bild sieht. Wobei das Foto schon ein paar Wochen alt ist: kein Schnee, dafür ein Weihnachtsbaum auf dem Platz. Ich fürchte, die Webcam ist derzeit abgeschaltet.
Der Eindruck von den Innenräumen hängt ganz davon ab, welches Stockwerk man betritt. Das Erdgeschoss mit Foyer, Shop, Kassenbereich, Sonderausstellungsraum und Pädagogikraum ist leider noch im Rohbau-Stadium. Dort sollte ja ein Terrazzo-Boden verlegt werden. Leider ist der beim ersten Versuch schadhaft gewesen und musste wieder rausgerissen und erneut eingebracht werden. Das war der Grund, warum wir im Oktober den angekündigten Eröffnungstermin am 7. Dezember, dem Geburtstag von Erika Fuchs, absagen mussten. Unglücklicherweise hat die Firma auch beim zweiten Versuch keinen Boden zustande bekommen, der sowohl ausreichend belastbar als auch optisch ansprechend gewesen wäre. Mitte Dezember haben wir uns von der Firma getrennt. Der Boden wurde ein zweites Mal entfernt, und da eine Fußbodenheizung nicht darauf ausgerichtet ist, dass man ihr zweimal den Estrich über dem Kopf wegmeißelt, mussten Heizung und Dämmung gleich mit raus. Nun steht man wieder auf dem nackten Beton. Die Bodenarbeiten wurden neu ausgeschrieben und können hoffentlich noch Ende des Monats beginnen. Danach schauen wir, wie die weiteren Arbeiten eingetaktet werden können und welcher Eröffnungstermin möglich ist.

Das Obergeschoss ist von diesen Problemen zum Glück nicht betroffen. Der Einbau der Dauerausstellung konnte während der gesamten Zeit weitergehen. Dort sind wir mittlerweile ziemlich weit. Der einführende Film in die Geschichte des Comics ist fertig produziert. Das begehbare Entenhausen steht vollständig. Simon Schwartz hat den biografischen Comic über das Leben von Erika Fuchs bereits vor einem Jahr abgeschlossen. Er wird sich als fast 2 Meter hohes Band durch den mittleren Raum ziehen. Das Gerüst und die Hinterleuchtung dafür stehen, es müssen nur noch die Folien gedruckt und eingebaut werden. Raum 4 besteht aus 14 Stationen, die meisten interaktiv, an denen man die Sprachkunst von Erika Fuchs erkunden kann. Hier sind noch ein paar abschließende Arbeiten erforderlich. Im vorletzten Raum erweisen deutschsprachige Comickünstlerinnen und -künstler Erika Fuchs die Reverenz, indem sie aus einem Satz von ihr eine eigene kurze Geschichte entwickeln. Die Originalzeichnungen von Ulli Lust, Ralf König, Reinhard Kleist, Flix, Sarah Burrini, Aisha Franz, Nicolas Mahler und Martina Peters warten jetzt bei mir im Büro darauf, gerahmt und aufgehängt zu werden. Der letzte Raum ist eine Comicbibliothek. Hierfür haben etliche Verlage bereits Bücherspenden zugesagt, worüber ich sehr froh bin. Sobald die Arbeiten im Erdgeschoss, die teilweise sehr viel Staub verursacht haben, abgeschlossen sind, können wir anfangen, die Regale einzuräumen.
 
Durch die Verzögerung könnte man nun annehmen, dass sich das Leben einer Museumsleiterin merkbar entspannt: Das Museum ist ja noch geschlossen. Ist das wirklich so?
Entspannt insoweit, als kein konkreter Eröffnungstermin für Terminstress sorgt. Aber zu tun gibt es natürlich vorweg jede Menge, damit das Museum ab Eröffnung rund läuft.
Das Konzept für die Dauerausstellung wurde von einer professionellen Ausstellungsagentur entwickelt, die auch für die Umsetzung zuständig ist, einem ganzen Team aus Architekten, Grafikern, Medientechnikern und Kuratoren. Das ist fantastisch, denn eine Person allein hätte niemals eine derartige Ausstellung entwickeln können. Ein großer Teil meiner Arbeit besteht im Austausch mit der Agentur. Wir haben jede einzelne Station besprochen, überarbeitet, umgestaltet, auch mal gestrichen, dann hatte wieder jemand eine Idee und etwas Neues kam hinzu. Meine Stelle wurde ja absichtlich deutlich vor Eröffnung ausgeschrieben, damit die Museumsleitung die Chance hat, noch Einfluss auf die Ausstellung zu nehmen und nicht vor vollendeten Tatsachen steht.
Jetzt, wo man die Ausstellung vor Augen hat, geht es darum, Konzepte für verschiedene Führungen und andere pädagogische Angebote zu entwickeln und später Mitarbeiter darin zu schulen. Mit der Stadtverwaltung habe ich außerdem einen zähen Kampf um Kassenkräfte ausgetragen, da bei einigen die Vorstellung da war, ein Museum auch mit einer einzigen Stelle und ehrenamtlicher Unterstützung betreiben zu können.
Für alle Abbildungen aus Comics mussten wir mit Autoren, Verlagen oder Agenturen die Rechte klären. Das war manchmal ein kurzer Anruf, manchmal ein wochenlanger Mailverkehr über mehrere Stationen, und für "Tim und Struppi" musste ich nach Brüssel fahren. Einige Motive mussten wir streichen, weil gar nichts möglich war. Mit der Familie von Erika Fuchs habe ich die Biografie abgesprochen und sie stellen Originalobjekte zur Verfügung.
Ausgangspunkt der Museumsidee war ja eine Sammlung von etwa 3000 Figuren und anderen Gegenständen mit Entenhausen-Motiven. Hinzu kommt die gleiche Menge an gedrucktem Material. Diese Sammlung muss nach und nach inventarisiert und fachgerecht gelagert werden. Im Sommer haben zwei Studierende der Museologie aus Leipzig damit im Rahmen eines Praxisprojekts angefangen. In sechs Wochen haben sie 500 Objekte geschafft – diese Aufgabe wird also noch eine ganze Weile in Anspruch nehmen.
Momentan bin ich dabei, ein Sortiment für den Museumsshop zusammenzustellen, welches Comicfans, Touristen und Einheimische anspricht. Hier müssen auch mit jedem möglichen Anbieter und den Verlagen die jeweiligen Konditionen abgesprochen werden. Bei der Einrichtung des Shops wird mich zum Glück eine Schauwerbegestalterin unterstützen, die selbst jahrelang im Verkauf gearbeitet hat – solche Dinge lernt man ja nicht gerade im Studium.
Eine Daueraufgabe ist das Marketing. Die Stadt, die das Museum betreiben wird, erhofft sich 20.000 Besucher im Jahr. Darauf basiert auch die Kalkulation. Schwarzenbach hat 7.500 Einwohner. Also versuche ich, dass Museum über alle möglichen Kanäle im Ort, in der Region, bei touristischen Anbietern, bei Comicfans und am besten im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Das läuft über Anzeigen, Flyer, die Homepage – die dringend überarbeitet werden muss –, Kooperationen, Präsentationen auf Veranstaltungen wie dem Comic-Salon oder regionalen Messen, und natürlich über Beiträge in allen möglichen Medien.
Also bisher wird mir nicht langweilig.


 
Können Sie nun schon einen neuen Eröffnungstermin nennen?
Derzeit noch nicht. Ohne Boden mussten im Erdgeschoss auch weitere Arbeiten ruhen, wie Decken, Anstrich, Elektrik, Sanitärbereich, Möblierung. Wenn die Bodenarbeiten soweit fortgeschritten sind, dass man die anderen noch ausstehenden Arbeiten zeitlich eintakten kann, werden wir schauen, was möglich ist. Vor Mitte des Jahres ist eine Eröffnung aber ausgeschlossen.
 
Wenn das Haus eröffnet ist, werden Sie auch Platz für Sonderausstellungen haben. Gibt es hierfür bereits konkrete Planungen (und Termine)?
Es gibt einen 100 qm großen Raum für Sonderausstellungen. Als erstes soll dort die Ausstellung der Max-und-Moritz-Preisträger zu sehen sein, die das Wilhelm-Busch-Geburtshaus in Wiedensahl momentan zeigt. Mit der dortigen Leiterin gibt es Überlegungen, eine solche Ausstellung regelmäßig zu machen und sich in der Organisation abzuwechseln. Ursprünglich hatten wir das erste Juliwochenende als Eröffnungstermin ins Auge gefasst. Aber da ich derzeit nicht sagen kann, ob das Museum dann überhaupt schon auf ist, werden wir eventuell verschieben. Damit verschieben sich dann auch weitere Ausstellungen. Nachdem die Max-und-Moritz-Preisträger-Ausstellung sich eher an ein erwachsenes Publikum richtet, möchte ich anschließend etwas für jüngere Kinder zeigen. Mein Favorit wäre die "Mumins"-Ausstellung des Finnland-Instituts. Danach soll es was für Entenhausen-Fans geben, wahrscheinlich "Biodiversität in Entenhausen". Das sind erstmal alles Leihausstellungen. Später wird es bestimmt auch eigene Ausstellungen geben, aber derzeit geht die Energie dahin, die Dauerausstellung fertig zu stellen und das Museum zu eröffnen.

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Bilder © Dr. Alexandra Hentschel
Sie zeigen den Aufbau der Bibliotheksmöbel und den Einbau der Medientechnik für interaktive Stationen im Raum Sprachkunst

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