So ist das – Interview mit Martina Schradi

Nachher habe ich mich doch über meine Eingangsfrage, die ich Martina Schradi gestellt habe, etwas geärgert. Die Nürnbergernin veröffentlicht seit 2013 ihre „Ach, so ist das?!“-Comic-Reihe, in denen sie Menschen zu Wort kommen lässt, die von ihren Erfahrungen mit LGBTI*-Themen berichten. Das sind mal kleine, leichte Anekdoten aus dem Alltag, mal Erzählungen, die unter die Haut gehen. LGBTI* steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transidente, Transgender und Intersexuelle, und auch im sich als aufgeklärt verstehenden Mitteleuropa bedarf es hier noch viel Arbeit, um für Akzeptanz und Gleichstellung zu sorgen – rechtlich und auch in den Köpfen. Aktionen und Initiativen reaktionärer Organisationen sind mir nicht entgangen, weswegen ich meinen Einstieg nun weniger naiv formulieren würde.

Mit ihren biografischen Comics erreicht Martina Schradi ComicleserInnen (und alle dazwischen), die sich für das Thema interessieren, aber auch viele darüber hinaus: Auf Plakaten montiert werden die Episoden vielerorts gezeigt, sie gibt Lesungen der Comics, Material für die Schule kann heruntergeladen werden und nicht zuletzt liegt eine Buchausgabe bei Zwerchfell vor. Ihre Leserschaft erreicht Schradi aber nicht nur im deutschsprachigen Raum, ihre Comics liegen auch auf englisch, spanisch und russisch vor. Die Expertise der Diplom-Psychologin ist vielerorts gefragt, weswegen sie inzwischen auch im Ausland von ihrer Arbeit erzählt und die „Ach, so ist das?!“-Comics präsentiert. Im Interview erzählt sie von den Hintergründen des Projekts und ihren Erfahrungen, die sie bei der Erstellung der Comics gesammelt hat – und zeigt am Ende noch einen ganz neuen „Ach, so ist das?!“-Comic.

Ich frage jetzt mal ganz doof, ausgehend von meiner persönlichen Filterblase: Eine Comic-Reihe wie „Ach, so ist das?!“ ist wirklich noch nötig?!
Witzig dass ich das so oft gefragt werde… Also rechtlich und gesellschaftlich haben wir in Deutschland ja schon viel erreicht hinsichtlich Akzeptanz und Gleichstellung. Auf der anderen Seite macht mir die homo- und transphobe Stimmungsmache von Gruppen wie den „Besorgten Eltern“ oder Teilen der AfD schon Sorge - nicht dass wir geradewegs auf einen Backlash zusteuern! Außerdem gibt es auch hierzulande immer noch Alltagsdiskriminierung und -ausgrenzung gegenüber LGBTI – ich will jetzt nicht mit Zahlen langweilen, aber entsprechende Studien belegen dies.
Davon abgesehen will ich einfach an dem Thema dran bleiben, mich interessiert was Menschen ausmacht und was sie bewegt, und das biografische Erzählen macht mir persönlich große Freude!

Es gibt eine Reihe von Ähnlichkeiten zwischen „Ach, so ist das?!“ und „Da war mal was…“ von Flix. War seine Reihe Deine Inspiration für die Arbeit an Deinen eigenen Comics?
Ja, Flix war mir hier ein großes Vorbild und ich war froh bei seinem „Da war mal was…“ eine Umsetzung zu sehen, die überzeugt und auch bei meinem Thema gut funktionieren könnte. Ich hatte mich im Vorfeld auch mal mit ihm ausgetauscht und er hat mich voll ermutigt!

Wie entsteht ein typischer “Ach, so ist das?!“-Comic? Gibt es da eine Art Zusammenarbeit mit den ErzählerInnen?
Zu Beginn eines „Ach, so ist das?!“-Comics steht immer ein Interview oder eine Erzählung. Daraus schreibe ich dann eine kurze, zusammenhängende – und möglichst auch interessante – Geschichte in der Ich-Perspektive der Hauptfigur. Diese setze ich dann als Storyboard um und mache schon erste Skizzen zum Seitenaufbau. Wenn das alles so passt, kommen Reinzeichnung und Kolorieren. Die größte Herausforderung ist dabei eigentlich die Verdichtung, weil ich mir ja vorgenommen habe, aus jeder Erzählung ein maximal vierseitiges Comic zu machen.
Tatsächlich arbeite ich dabei in den allermeisten Fällen eng mit der realen Hauptfigur zusammen: Ich lege ihr jedes „Zwischenergebnis“ vor und bitte um Rückmeldung. Inhaltlich ist es mir wichtig, möglichst authentisch zu sein, obwohl ich mir auch vorbehalte, die Geschichte dramaturgisch anzupassen und eigene erzählerische Mittel einzusetzen. Aber ich möchte am Ende schon, dass sich die Person, die mir ihre Gesichte anvertraut hat, darin auch wiederfindet.

Gab es im Laufe der Arbeit an den Comics besondere Erlebnisse?
Die Offenheit, das Vertrauen, das mir die Beteiligten entgegenbringen, sozusagen als Vorleistung, empfinde ich als großes Geschenk. Die Bereitschaft der Leute, von sich zu erzählen und teils sehr private Teile ihres Lebens und Wesens zu teilen, das finde ich gigantisch.
Außerdem: Die große Resonanz auf das Gesamtprojekt hat mich sehr überrascht: ich hätte nie gedacht, dass sich so viele Menschen interessieren und beteiligen wollen, mit einer eigenen Geschichte, mit ehrenamtlichem Engagement, mit der Verbreitung und Nutzung der Comics als Ausstellung, Lesung oder in Form unserer Workshops. Es freut mich, dass wir so zu mehr Sichtbarkeit von LGBTI beitragen können – und das auch noch mit Comics!

Du bist nicht nur Illustratorin und Comic-Autorin, sondern auch Diplom-Psychologin. Inwieweit hilft Dir das bei der Arbeit an den Comics?
Das hilft auf mehreren Ebenen: bei der Gesprächsführung; bei der Auswahl der Inhalte, die ich so erzählen will beziehungsweise kann, dass sie niemanden verletzen oder vor den Kopf stoßen; bei dem Einordnen von Themen, die ja doch sehr ins Private gehen können, oder, wenn es z.B. um Coming-Out oder Diskriminierung geht, auch sehr an die Substanz gehen können. Und dann vielleicht noch bei der Herausforderung, aus den teils schweren, ernsten Themen etwas Niederschwelliges, Unterhaltsames zu machen - denn das war ja mein Ziel.

Mit Dir und Elke R. Steiner befassen sich zwei Comic-Autorinnen mit Fragen der sexuellen Identität, geben Workshops, und so weiter. Warum eignen sich Comics Deiner Meinung nach besonders dafür, solche Fragen zu behandeln? Gibt es etwas Comic-typisches, das dafür spricht oder kommt es bei Dir einfach daher, weil Du Comic-Zeichnerin bist?
Beides. Aber im Fall von „Ach, so ist das?!“ ist es ein super Vorteil, weil die Beteiligten dadurch anonym bleiben können und ich an teils sehr private Themen kommen kann - die würde mir ja niemand erzählen wenn ich z.B. einen Film daraus machen würde. Und dann noch die Mittel der Vereinfachung, Übertreibung, etwas bildnerisch auf den Punkt bringen – gerade bei dem Themen finde ich das extrem hilfreich.

Inzwischen liegen Deine Comics auch auf russisch, spanisch und englisch vor, Du bereist eine Reihe von Ländern, erzählst von Deiner Arbeit. Wie unterscheiden sich die Reaktionen in Ausland von denen hierzulande?
Naja… im Vergleich zu anderen Ländern geht es LGBTI*-Personen im mitteleuropäischen Raum wohl extrem gut - andernorts werden sie durch Staat und/oder Bevölkerung kriminalisiert, verfolgt und bedroht oder sogar getötet.
In der Ukraine beispielsweise schlägt die Regierung aktuell einen trans- und homofreundlichen Kurs ein, dies aber zum großen Teil nur, um der EU gefällig zu sein. In der Bevölkerung dagegen nehmen Homo- und Transphobie deutlich zu und Rechtsradikale gehen offensiv gegen LGBTI vor. Queere Veranstaltungen wie z.B. der CSD können daher erst kurz vor Beginn angekündigt werden, um unliebsame, gewaltbereite Gegner fernzuhalten. Und nach Russland könnte ich mit den Comics wahrscheinlich gar nicht einreisen...

Als nächstes bist Du unter anderem in der Ukraine und Tunesien zu Gast. Was ist dort geplant?
In der Ukraine wird diesen Sommer, nach vielen Jahren der Planung und Vorbereitung durch meinen Münchner Kooperationspartner Munich Kiev Queer, endlich die russischsprachige Austellung gezeigt, wahrscheinlich im Rahmen des CSD. Ort und Zeitpunkt werden kurz vorher bekanntgegeben.
In Tunesien darf ich vom 13. bis 14. Mai an einer internationalen queer-feministischen Gemeinschaftausstellung teilnehmen, organisiert von Chouftouhonna. Leider kann ich nicht vor Ort sein, weil ich an diesem Wochenende im Schwulen Museum Berlin aus „Ach, so ist das?!“ lese.


Martina Schradi online: comic-von-schradi.deachsoistdas.com„Ach, so ist das ?!“ bei facebooktwitter

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Abbildungen © Martina Schradi

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