"Spring" in Indien

Bis vor einigen Tagen war das Hamburger "Spring"-Kollektiv für einen Workshop in Indien zu Gast. Gemeinsam mit indischen Zeichnerinnen wurde an der nächsten Ausgabe gearbeitet. Vielen Dank an Ulli Lust, die von der Reise und dem Treffen in Indien berichtet und in Fotos Eindrücke vom Aufenthalt zeigt. Weitere Fotos finden sich in der flickr-Galerie unten sowie auf der facebook-Seite von Spring.

"Spring" in Indien
von Ulli Lust

Eine der schönsten Traditionen der "Spring"-Gruppe ist eine kurze Reise - nur ein paar Tage, denn viele von uns sind Mütter - an einen ruhigen, hübsch gelegenen Ort, wo wir uns gegenseitig coachen und die nächste Ausgabe des einmal jährlich erscheinenden "Spring"-Magazins vorbereiten.

Zum Beispiel 2008 in die Südtiroler Alpen, oder …

... 2012 ins Wendland.

2016 erreichten diese Arbeitstreffen eine neue Dimension, und zwar dank der großartigen Initiative von Larissa Bertonasco, die das Goethe-Instituts in Delhi und die Stiftung Maecenia für eine indisch-deutsche "Spring"-Ausgabe begeistern konnte. Acht Spring-Zeichnerinnen reisten nach Indien, in die Nähe von Bangalore (wie üblich wurde eine schwanger, ich sprang als Vertretung ein) und trafen dort acht indische Künstlerinnen um gemeinsam die nächste "Spring"-Ausgabe als interkulturelle Koproduktion zu konzipieren.

Nrityagram

Wir waren etwas nervös. Wie würde die Zusammenarbeit funktionieren? Die "Spring"-Mitglieder sind eine eingespielte Truppe, geübt in den mühevollen basisdemokratischen Prozessen, während sich die indischen Künstlerinnen einander nur vereinzelt kannten. Würde es uns in der kurzen Zeit gelingen, eine vertrauensvolle Atmosphäre herzustellen, die nötig ist, um persönlichen, ja intimen Geschichten zu Tage zu fördern? Mehr als bei jeder Ausgabe zuvor wollten wir diesmal unser Leben als Frau in der Gesellschaft reflektieren.

Der erste Arbeitstitel war "Rollenmodell", auf englisch "role model". Leider unterscheiden sich die englische und die deutsche Bedeutung. Das englische role model ist ein Vorbild. "Rollenmodelle" im Deutschen beschreiben gesellschaftlich vorgegebene Rollen, bestimmte Erwartungen, die an Individuen gestellt werden, es kann sich auch um ungeliebte Rollen handeln.
Während Frauen in Deutschland vergleichsweise selbstbestimmt leben können und uns viele Möglichkeiten offen stehen, ist Indien für Frauen das zweitgefährlichste Land der Welt, nach Afghanistan. Sexuelle Gewalt ist alltäglich, Frauen müssen sich auf der Strasse anstarren und in öffentlichen Verkehrsmitteln antatschen lassen. Eltern sehen in der Geburt einer Tochter ein Unglück, Mädchen werden zwangsverheiratet, Scheidungen sind fast unmöglich. Rechtlich gesehen verlieren Frauen in Indien durch die Heirat nicht nur ihren kompletten Besitz, sondern auch ihre Menschenwürde.
Kein Wunder, dass unsere indischen Kolleginnen auf das Thema "Heirat" distanziert reagieren. Drei sind aus pragmatischen Gründen verheiratet. Einige leben heimlich mit ihrem Freund zusammen, für die Vermieter ist er "der Cousin", die Familie darf nichts ahnen. Keine von ihnen hat Kinder. Sie verziehen grimmig das Gesicht, "No, thank you." Sie arbeiten als Illustratorinnen und Comiczeichnerinnen und versuchen, sich in der restriktiven indischen Gesellschaft Freiräume zu schaffen.

Wir verstehen uns auf Anhieb.

Morgens starten wir mit spielerischen Zeichenübungen zum Warmwerden.
Um 11 Uhr pilgern täglich ein paar von uns zum benachbarten Tanzraum, um bei den Proben zuzusehen. Wir befinden uns nämlich auf dem Campus einer Tanzschule für die klassische Tanzform Odissy. Auf dem Campus leben Schülerinnen und Lehrerinnen zusammen, die Ausbildung dauert drei bis sechs Jahre. Die Lehrerinnen bilden das berühmte Nrityagram Dance Ensemble, sie touren mit modernen Inszenierungen klassischer Mythen um die ganze Welt. (Eine Video-Dokumentation findet sich unter diesem Beitrag.)

Der Unterricht beginnt und endet mit einem irritierenden Ritual.
Als Lehrerin an einer deutschen Hochschule beobachte ich die Demutsgeste mit Belustigung. Aber es ist nicht nur eine Geste der Unterwerfung, die Lehrerin segnet die Schüler auch. Die Protagonisten nehmen ihre Rollen ein.

Die Schülerinnen helfen beim Kochen und dürfen selbst erst zulangen, wenn die Gäste gegessen haben und die Lehrerinnen bedient sind.

Nicht im Bild: auf der Seite sitzen die Tanzschülerinnen, hungrig vom stundenlangen, körperlich intensiven Training schauen sie uns beim Essen zu.  
Wir fühlen uns ein wenig unbehaglich. Wir sitzen den ganzen Tag herum und rühren gerade mal die rechte Hand mit einem Bewegungsradius, der so gross ist wie das Blatt Papier vor uns.

Archana Sreenivasan, Ludmilla Bartscht

Kaveri Gopalakrishnan

Abends stellen wir in Kurzvorträgen verschiedene Arbeiten vor.

Ludmilla Bartscht

Ich (Ulli Lust)

vorne: Kruttika Susarla

Reshu Singh

Prabha Mallya, Larissa Bertonasco, Managua, Maria Luise Witte; Wir machen uns bereit für das traditionelle Gruppenfoto.

Kaveris Freund ist Fotograph. Als er einen Besuch ankündigte, baten wir ihn, sein Equipment mitzubringen.
Wir warten noch auf die Ergebnisse der Fotosession.

Ute Reimer-Böhmer vom Goethe-Institut in Delhi kam mit Paul Derouet im Schlepptau. Er rekrutiert gerade indische Comiczeichner für eine Ausstellung am Comic-Salon in Erlangen. Rechts: Barbara Yelin

Archana Sreenivasan, Maria Luisa Witte, Ulli Lust, Katrin Stangl, Priya Kuriyan, Stephanie Wunderlich

Urvashi Butalia, vom feministischen Verlag Zubaan Books. Sie möchte eine indische Ausgabe unserer Publikation herausbringen.

Barbara Yelin, Urvashi Butalia

Anpu Varkey

Priya Kuriyan

Prahba Mallya

Mond

Die richtige Arbeit wartet noch auf uns, nächmlich aus den Skizzen und Konzeptideen dann die Comics ins Reine zu zeichnen. Die Zeit ist knapp, zum Comicfestival in Erlangen soll "Spring #13" fertig gedruckt auf den Tischen liegen.

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Zeichnung & Comic © Ulli Lust, Fotos © Spring

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