#SupportSamandal

Das libanesische Comic-Kollektiv Samandal wurde von einem Gericht in Beirut zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und sucht nun nach internationaler Unterstützung. Anlass für das Verfahren waren zwei Comics aus der siebten Ausgabe des Magazins gleichen Namens aus dem Jahr 2009. Die nach fünfjähriger Prozesszeit verhängte Geldstrafe in Höhe von rund 18.000 EUR könnte auch in eine Haftstrafe umgewandelt werden, sollte das Geld nicht aufgebracht werden. Wie die Macherinnen auf einer ausführlichen Informationsseite darlegen und auch in einem Artikel im New Yorker nachzulesen ist, werden die Herausgeber für Comic-Geschichten haftbar gemacht, die u.a. angeblich "Anstiftung zur konfessionellen Zwietracht" säen würden. Lena Merhej und der der französische Comic-Autor Valfret hatten in dieser Nummer, eine Kooperation mit dem französischen Verlag Employe du Moi, Beiträge zum Thema Rache veröffentlicht. Merhejs Kurzgeschichte befasste sich dabei mit der negativen Kraft libanesischer Kraftausdrücke, wobei sie auch einen religiös gefärbten Ausdruck aufgriff. Vor Gericht wurden aus dem Zusammenhang gerissene Panels als Beweismaterial zugelassen und weder Herausgeber noch Autoren bekamen – widerrechtlich – die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Das gesamte Verfahren samt Urteil scheint staatlich-religiöser Zensur zu dienen.

Da die Strafzahlung nicht aus eigener Kraft aufgebracht werden kann, haben die MacherInnen nun die Crowdfunding-Kampagne "The People VS Samandal Comics" gestartet, um das Geld dafür aufzubringen und das eigene Fortbestehen zu sichern. Neben Büchern und Drucken können hier auch Originalseiten von Samandal-MitarbeiterInnen sowie Alex Baladi, Mazen Kerbaj und Joe Sacco erstanden werden.

Samandal wurde von Omar Khouri, Hatem Imam, Lena Merhej und Fdz gegründet, dazu sind bis heute noch Barrack Rima, Joseph Kai, Ghadi Ghosn, Raphaelle Macaron, Sara Sukhun, Yazan Al-Saadi und Zeina Bassil gestoßen. Merhej und Rima waren im Rahmen des Schwerpunkts "Comics aus der arabischen Welt" zu Gast auf dem Comic-Salon Erlangen 2012 und stellten dort Samandal vor. Im folgenden Jahr folgte die Ausstellung "Al-Comix al-Arabi" auf dem Fumetto in Luzern, auch hier war Lena Merhej vor Ort.

Die beanstandeten Comics können hier nachgelesen werden:

 

"Ecce Homo" von Valfret

 

"Rache à la libanaise" von Lena Merhej

Unten die deutsche Übersetzung des gemeinsamen Statements sowie das Kampagnenvideo zu "The People VS Samandal Comics".

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Abbildungen: © Samandal

German Statement

Im Dezember 2009 erschien im Rahmen von „Beirut, Weltstadt des Buches” die siebte Ausgabe des Magazins Samandal, in Kooperation mit dem belgischen Verlag L'employé du Moi. Diese Publikation wurde sowohl vom libanesischen Kulturministerium als auch vom Centre Culturel Français in Beirut und von Wallonie-Bruxelles-International finanziell unterstützt. Sie ist das Ergebnis einer einjährigen, von Konferenzen und Workshops begleiteten Zusammenarbeit libanesischer und belgischer Comic-KünstlerInnen und wurde im Rahmen einer von der Unesco finanzierten Ausstellung im Centre Culturel Français in Beirut lanciert.

Vier Monate später wurden drei der vier HerausgeberInnen dieser Ausgabe von der Staatsanwaltschaft angeklagt. Die Klage lautete auf a) Anstiftung zur konfessionellen Zwietracht, b) Gefährdung der Religion, c) Veröffentlichung falscher Informationen und d) Rufmord und Verleumdung.

Am Ende des fünfjährigen Prozesses wurden alle drei auf Grundlage von Artikel 25 des Drucksachengesetzes für schuldig befunden. Am 28. April 2015 wurde jedem eine Geldstrafe in Höhe von knapp 6.000 Euro – insgesamt 18.000 Euro – auferlegt, die bei Zahlungsunfähigkeit in eine Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten umgewandelt wird.

Diese Klage, von religiösen Institutionen initiiert und vom libanesischen Staat unterstützt, hat die Arbeit des Magazins gelähmt und droht, unsere zehnjährige Tätigkeit im Comicbereich zum Erliegen zu bringen.

2007 begannen wir als gemeinnütziger Verein mit der Herausgabe von Samandal. Wir fanden, dass das Medium Comic in unserem Teil der Welt unterrepräsentiert war. Wir wollten eine Plattform für Geschichten aus dem Libanon und dem nahen Osten schaffen und der libanesischen Öffentlichkeit die Arbeit internationaler Independent Comic-KünstlerInnen nahe bringen. Neben der Arbeit an dem Magazin haben wir zahlreiche Workshops, Zeichensessions, internationale Austauschaktivitäten und Konferenzen organisiert und den Dialog zwischen KünstlerInnen verschiedener Disziplinen gefördert. Gemeinsam mit der Kinemathek Metropolis gründeten wir Beirut Animated, das zweijährlich stattfindende Animationsfestival Beiruts.

Die Klage wegen Anstiftung zur konfessionellen Zwietracht kam für uns völlig überraschend. Alles begann mit einem Brief, in dem der Informationsminister den Justizminister aufforderte, Samandal auf Wunsch „christlicher Persönlichkeiten“ zu verklagen. Letztere waren der Ansicht, dass zwei Panels in zwei verschiedenen Comics ihre Religion verunglimpfen. Der Justizminister entschied sich daraufhin, die Angelegenheit dem Generalstaatsanwalt am Revisionsgericht zu übergeben.

Das Thema Religion wird in den Comics dieser Samandal-Ausgabe nur am Rande angeschnitten. Die Geschichten in dieser Ausgabe erzählen mit satirischen Mitteln von völlig anderen Themen. Die Panels wurden aus dem Zusammenhang gelöst, um die angebliche Blasphemie zu beweisen – was ein wenig so ist, als verklagte man einen Verleger, weil eine Figur aus einem seiner Bücher „Mein Gott!“ ruft.

Wir möchten Ihnen die betreffenden Comics gern in ganzer Länge zugänglich machen, damit Sie sich selbst ein Urteil über ihre Schädlichkeit bilden können. Um jedoch eine Wiederholung des juristischen Debakels zu vermeiden, können wir an dieser Stelle nicht direkt zu den Geschichten verlinken. Wir möchten Sie daher bitten, für die folgenden Comics die Webseite grandpapier.org aufzusuchen:

1- „Rache à la libanaise“ von Lena Merhej
2- „Ecce Homo” von Valfret

Trotz der wasserdichten Verteidigung unseres Anwalts verschanzte sich das Gericht hinter den Spitzfindigkeiten des dehnbaren Zensurgesetzes und hinter einer Kohorte von Funktionären, die gern bereit waren, uns zu Kriminellen zu erklären und zu bestrafen. Während des Prozesses wurde das Gesetz mehrmals gebrochen :

1. Die drei Herausgeber stehen momentan unter einem sogenannten „Zwangsbefehl“ (مذكرة اخضاع) . Diese illegalen Haftbefehle, von der Sicherheitsbehörde erlassen (obwohl sie durch die Entscheidung Nr.10 des Ministerrats vom 24. Juli 2014 für ungültig erklärt wurden), erlauben die Aussetzung jeglichen Zahlungsverkehrs, die Konfiszierung von Reisepässen und willkürliche Schikanierung. Diese Zwangsbefehle werden häufig gegen Menschenrechtsaktivisten, Anwälte und Künstler/Autoren verhängt, um sie einzuschüchtern.

2. Das libanesische Drucksachengesetz schreibt die gesetzliche Verantwortlichkeit in solchen Fällen an erster Stelle dem Autor zu, in diesem Falle Frau Merhej (ebenfalls Mitglied von Samandal) und Herrn Valfret, und erst an zweiter Stelle dem Herausgeber, hier der Verein Samandal. Anstatt sich daran zu halten, zielte die Klage direkt auf drei der vier HerausgeberInnen und verdreifachte somit sowohl die Gerichtskosten als auch das Bußgeld

Den Mitgliedern des Herausgeberteams wurde trotz mehrerer offizieller Anträge die Gelegenheit verweigert, vor dem Gerichtshof auszusagen. Auch unser Antrag, die AutorInnen als Zeugen zu laden, wurde vom Gericht zurückgewiesen.

Die Behauptung, wir hätten eine Plattform wie Samandal in der Absicht aufgebaut, religiöse Institutionen anzugreifen, ist absurd und die Themenvielfalt unserer Publikationen spricht für sich. Wir respektieren alle Religionen gleichermaßen; es liegt uns fern, die eine oder andere Religion zu verspotten. Wer die Religion allerdings benutzt, um Macht auszuüben und die öffentliche Debatte zu kontrollieren, kann von uns keine Achtung, sondern nur Verachtung erwarten.

Die Behauptung, Samandal beleidige den christlichen Glauben, ist ein Versuch, das Magazin als christenfeindlich und generell religionsfeindlich darzustellen, während in Wirklichkeit einige mächtige Einzelpersonen eine falsche Lesart unserer Arbeit verbreiten, um die Debatte zu monopolisieren und von der eigenen legislativen Unfähigkeit und der Praxis, konfessionelle Konflikte je nach Belieben  anzufachen, abzulenken. Es ist ironisch und äußerst bedauerlich, dass ausgerechnet ein ohne Erwerbsziel veröffentlichtes Comicmagazin für ein „Vergehen” belangt wird, das alltäglich von diversen Politikern und ihren Medien begangen wird. Die staatlichen Institutionen haben den Gläubigen die Kontrolle über die Religion genommen und an sich gerissen; sie haben jegliche Diskussion erstickt und die Debatte auf ihre primitivste Form reduziert: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Wir weigern uns, dieses Spiel mitzuspielen. Wir haben Samandal gegründet, um einen anderen diskursiven Raum zu öffnen, einen Raum für sprachlich vielfältige Debatten, offen und nuanciert gegenüber den Subtilitäten der Welt, die uns umgibt.

Der Fall Samandal ist kein Einzelfall, sondern die Rückkehr zu einer lange währenden Praxis willkürlicher, ungerechter Zensur und zu dem Willen, KunstproduzentInnen mundtot zu machen. Es muss dringend ein Gleichgewicht geschaffen werden zwischen der Gefahr, die künstlerische Freiheit zu zensieren, und den Rechten von Klägern oder religiösen Empfindsamkeiten. Dieses Gleichgewicht wird noch wichtiger, wenn es sich beim Angeklagten um einen Künstler, beim Kläger aber um die Staatsanwaltschaft oder eine Persönlichkeit aus Wirtschaft oder Religion handelt, umso mehr als es in den meisten Fällen der Angeklagte ist, der des Schutzes bedarf, um seine kostbare Freiheit zu bewahren, während der Kläger wenig oder keinen ernsthaften Schaden erleidet.

Heute steht Samandal wegen eines irreführenden und überkommenen Zensurgesetzes vor dem Aus. Die nächste Ausgabe, Géographie, wird die letzte sein, die wir finanzieren können. Das Budget der Zeitschrift wurde von den Prozesskosten getilgt, wir sind gezwungen, unsere Aktivitäten einzustellen.

Trotz alledem ist unsere Leidenschaft für Comics und unsere Ambition, sie zu veröffentlichen, nicht erschüttert worden. Wir hoffen, das Urteil dadurch anzufechten, dass wir weitermachen, weiter publizieren, Samandal mit Ihrer Hilfe und Solidarität weiter entwickeln und verbessern. Von Anfang an war es das Engagement und die Unterstützung der LeserInnen, die es Samandal erlaubt haben, zu überleben und zu wachsen. Heute bitten wir Sie um Ihre Unterstützung, um die Zeitschrift wieder zu beleben. Wir hoffen, dass eine Crowdfunding-Kampagne uns helfen wird, wieder auf die Beine zu kommen und zwei neue Ausgaben herauszugeben. Wenn Sie uns dabei helfen möchten, gibt es online die Möglichkeit, zu spenden.

Beirut, Oktober 2015

Big thank you to the translators Paula Bulling and Sibylle Jung

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