Zwei Einladungen

Irgendwann kommt man darauf. Dass man wahrscheinlich nicht wirklich die Welt verändern wird. Dass man doch nur ganz normal ist und so ein kleines Fleckchen, ein Glühen das kommt und vergeht. Ob man in der Welt herumkommt, sich von Erdaufnahmen aus dem Orbit ergreifen lässt oder von allein darauf kommt, irgendwann ist der Gedanke da. Und selbst das ist der Gesamtheit, dem Universum, ziemlich wurscht. Das kann bestürzen, Flucht versprechen Religion, Zerstreuung, vielleicht Drogen. Oder man arrangiert sich mit der Situation, letzten Endes wird man sie kaum ändern können.

Die Lektüre von zwei kürzlich erschienenen Büchern erinnern mich daran, dass im Kleinen, im Mondänen und Unbedeutenden, genau so viel Eindringlichkeit und Wahrheit stecken können, wie im mit Bedeutung Aufgeladenen, Symbolträchtigen und Anderem, das Wichtigkeit in sich zu tragen scheint: Sowohl die Biografie "Alans Kindheit" von Emmanuel Guibert wie auch die autobiografischen Kurzgeschichten in "Pillen, Rusz und Ratten" von Ulf Salzmann haben nicht den Anspruch, die Welt zu erklären, sie münden nicht in Lehren und Moral.

Guibert beschreibt, wie der Titel es eben sagt, die Kindheit seines Freundes Alan Cope. Der wuchs im Süden Kaliforniens in den 1930ern auf. Und es passiert nichts wirklich Besonderes. Cope und Guibert verweigern sich einer sinngebenden Klammer und einer zielführenden Erzählung. In "Alans Krieg" stand dieser Erzählansatz noch als Kontrast zur Ausnahmesituation des Zweiten Weltkriegs, die Rahmen und Kontext vorgab. "Alans Kindheit" hat nun diesen dramatischen Rahmen nicht und auch Guiberts häufig reduzierten Zeichnungen lassen viel Freiraum und verweigern sich der allzu naturalistischen Beschreibung von Ort und Zeit (wenn man von den detaillierten Familienfotos absieht). Mehr als andere Bücher wird "Alans Kindheit" so zum Gefäß, dass man als Leser mit eigenen Erfahrungen füllen kann. So kann die Beschreibung, wie sich Cope als Kind auf einem Ausflug ein wenig vom Auto – und damit dem direkten Zugriff – der Eltern entfernt, zur Spiegelung eigener magischer Kindheitsmomente werden. Für sich genommen sind sie banal, die persönliche Bedeutung ist immens.

Ähnlich macht es Ulf Salzmann in den Kurzgeschichten in "Pillen, Rusz und Ratten". Dabei erzählt er durchaus Dramatisches über Außenseiter, vertane Lebenschancen, Kriegstraumata und Lebensgefahren. Ihm geht es aber nicht um einen Knalleffekt, die Erzählungen werden durch den Ich-Erzähler gefiltert und münden nie in Botschaften an die Leserschaft. Moral formuliert Salzmann schon, wenn er zum Beispiel Schuldgefühle bei der Nachricht des Todes eines auch von ihm abgelehnten Aussenseiters aus Schulzeiten formuliert. Doch es bleibt immer im Ton des Tatsächlichen: Das ist geschehen. Durch die durchgehende Ich-Perspektive des Erzählers geht es mehr um die Möglichkeit, sich auf dessen persönlichen Reaktionen einzulassen, als um die Formulierung einer eindeutigen Botschaft. Die fünf Kurzgeschichten funktionieren so ebenfalls als Anregung dafür, Eigenes zu reflektieren und nach Sinn darin zu suchen.

Beide Bände scheinen keine Themen zu haben, wie es derzeit sonst häufig bei Comics ist: Drängende Fragen der Welt oder Zeitgeschichte werden hier weniger behandelt. Und es sind keine Abenteuer oder sonstige Genre-Stoffe. Ansprüche auf Allgemeingültigkeit werden nicht formuliert. Es sind Einladungen, an prägende Erinnerungen und Momente zu denken, an die essentiellen Bedeutungen der eigenen Geschichte. Sie sind nicht weltbewegend, aber wichtig, für jeden.

---

Bilder: © Guibert – Edition Moderne, © Ulf Salzmann
Die Abbildung aus "Pillen, Rusz und Ratten" stammt von Ulf Salzmanns Website flausen.net. Für das Buch wurde das Lettering überarbeitet.
Im Fall von "Alans Krieg" habe ich für den Verlag Edition Moderne den Druckablauf koordiniert.

Diese können Sie auch interessieren...

Twitter icon
Facebook icon
Google icon
Pinterest icon